Kiloschwere Achtsamkeit

Es scheint eine kleine, stille, ganz unblutige und gesunde Revolution im Gange: die Menschen, oft geschunden von Hektik, Überarbeitung, Konkurrenzkampf und Konsumsucht, entdecken zunehmend das Innehalten, den auf Wesentliches reduzierten Moment, das Schauen auf die liebenswerten kleineren und größeren Ereignisse und Handungen des Alltags. Sie entdecken die Achtsamkeit (wieder).
Das ist mitunter gar nicht so leicht. Die Tretmühle Alltag funktioniert so perfekt wie ein großzügig kugelgelagertes Premium-Hamsterrad, das Lebensgefühl ist längst gekoppelt an den maximalen Geschäftgkeitsmodus to go und die Sinne sind so verkümmert wie der Ficus auf dem falschen Fensterbrett.
Da ist ein bisschen Anleitung eine lobenswerte, hilfreiche Sache. Dazu gibt es Workshops und Kurse, die genau die Zeit benötigen, die man sich mindestens nehmen muss, wenn man wieder sich selbst und nicht den Komsum-Kobold auf dem Rücken spüren möchte.
Ein bisschen Anleitung? Unsere Gesellschaft hat einen so hohen kommerziellen Verwertungsgrad, dass die Behutsamkeit der Hilfestellung schon wieder von einer Art Tonnenideologie des Ratgeberwesens erschlagen zu werden droht: In Presseshops türmen sich bereits Achtsamkeits-Gazetten mit Übungsaufgaben, Träumhilfen und Co. als verschriftliche Massenbeglückung.
Um nicht falsch verstanden zu werden: natürlich ist eine künstlerisch ausgestaltetete Zeitschrift über Achtsamkeit in allen Facetten um ein Vielfaches mehr zu begrüßen als der 374. Style-Guide für Lippenbemalung.
Doch wenn Achtsamkeitserzeugnisse bereits wieder Kauffieber, Sammeltrieb und „Ruheerlangungsstress“ provozieren, sollten die ersten Erfolge wahrhafter Achtsamkeit schon greifen:

Sätze wie „Weniger ist mehr“ wirklich spürbar leben zu können.


Der Artikel erschien erstmals in der Multimedia-Post NEUES VON ALLISE am 21. Dezember 2017.