Hilft über den Berg – Selbsthilfe im Schweizer Luzern

Selbsthilfe in Potsdam gibt es, zumindest „offiziell“, erst nach den politischen Umbrüchen 1989. Zuvor hatte das realsozialistische System keinen Platz für dieses Engagemt vorgesehen und eingeräumt. Doch auch im „alten Westen“ war die Selbsthilfe keine Selbstverständlichkeit – hier galt es, diese emanzipatorische Idee erst einmal gegen die Beharrlichkeit konservativer Gesellschaftsstrukturen durchzusetzen und zu etablieren. Vergleiche sind also spannend. Aus diesem Grunde stellt NEUES VON ALLISE in loser Folge die Selbsthilfe in den in- und ausländischen Partnerstädten Potsdams vor. Nach der Vorstellung der Aktiven in der Bundesstadt Bonn geht der Blick diesmal ins schweizerische Luzern und seine benachbarten Kantone (Verwaltungsbezirke).

Mit den Verantwortlichen sind wir ins Gespräch gekommen:

INTERVIEW

„Es herrschte Pionierstimmung“
Ein Gespräch mit Isabel Portmann und Thomas Burri von Selbsthilfe Luzern-Obwalden-Nidwalden

Seit wann gibt es das jetzige Selbsthilfezentrum und was waren die ersten Aktivitäten?

Die ersten Aufgaben 2005 waren die Suche nach einem Raum für die Geschäftsstelle und die Selbsthilfegruppen sowie die Bestandesaufnahme der existierenden Gruppen. Es gab zwar alte Listen aus der Zeit erster, noch unvollendeter Anläufe. Viele Gruppen waren darauf jedoch nicht verzeichnet und mussten recherchiert werden. Es herrschte Pionierstimmung, die Geschäftsstelle war mit 40 % knapp besetzt. Priorität hatten auch die Sicherung der Finanzierung und der Aufbau einer Webseite. Die Selbsthilfegruppen waren froh, dass eine zentrale Anlaufstelle entstand. Die Anfragen in den ersten Monaten waren nicht sehr komplex, in erster Linie waren es Betroffene, die den Kontakt zu den Gruppen suchten. Bald meldeten sich aber auch Fachpersonen und Menschen, die eine neue Gruppe aufbauen wollten. Schritt für Schritt wuchsen wir in unsere Aufgaben hinein.

Ist die Selbsthilfe bei Ihnen in der Breite akzeptiert oder gibt es noch viele Hemmungen?

Obwohl die gemeinschaftliche Selbsthilfe auf breiter Ebene akzeptiert ist und vielen Menschen die Methode der Selbsthilfe ein Begriff ist, gibt es noch immer eine grosse Hemmschwelle. Wir stellen fest, dass der Begriff „Selbsthilfegruppe“ teilweise noch immer verstaubte oder falsche Bilder hervorruft. Einige Gruppen verwenden deshalb anstelle der Bezeichnung „Selbsthilfegruppe“ bewusst die Bezeichnung „Gesprächsgruppe“.

Wie sorgen Sie dafür, dass junge Menschen die Selbsthilfe-Idee leben? Haben Sie „Nachwuchs“? In Potsdam machen wir Kampagnen/Werbung für die „Junge Selbsthilfe“.

Die Tendenz der „Überalterung“ in Selbsthilfegruppen ist auch bei uns ein grosses Thema. Gemäss einer aktuellen nationalen Studie liegt das Durchschnittsalter bei 51 Jahren. Junge Menschen vermehrt zu erreichen, steht bei uns, sowohl regional wie auch national, ganz oben auf der Agenda. In diesem Zusammenhang wurden und werden aktuell verschiedene Massnahmen und Projekte erarbeitet – beispielsweise mittels einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit. Unter anderem wurde 2016 der Nationale Tag der Selbsthilfe lanciert, welcher jährlich am 21. Mai stattfindet und nebst einer nationalen Dachkampagne auch regionale Veranstaltungen vor Ort beinhaltet. Der Nationale Tag der Selbsthilfe will die gemeinschaftliche Selbsthilfe bekannter machen und die gesellschaftliche Akzeptanz für Selbsthilfegruppen fördern. Verstaubte oder falsche Bilder wollen aufgebrochen, Berührungsängste abgebaut und der Zugang zur Selbsthilfe erleichtert werden. Zudem werden neue Formen der gemeinschaftlichen Selbsthilfe geprüft und gefördert, unter anderem im Bereich der virtuellen Selbsthilfe oder social media.

Was sind Ihre strategischen und inhaltlichen Ziele für die nächsten Jahre?

Die strategischen und inhaltlichen Ziele sind bis 2020 festgelegt und in einem Geschäftsplan festgehalten. Auf die meisten Ziele wurde in den vorgängigen Fragen bereits eingegangen. Da die Ziele sehr umfangreich sind, nachfolgend nur ein paar Auszüge: Weiterentwicklung der Qualitätssicherung, Besuch von Weiterbildungen durch die Mitarbeitenden, Bedürfnisabklärung bei den Selbsthilfegruppen mittels Umfragen, Ausgewählte Zielgruppen (Jugend, Männer, Menschen mit Migrationshintergrund) sollen verstärkt angesprochen/gefördert werden. Neue Formen der gemeinschaftlichen Selbsthilfe werden geprüft und gefördert, z.B. Peer support, virtuelle Selbsthilfe etc.. Diese Liste ist nicht abschließend.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Hintergrund:
Mit Hartnäckigkeit und Überzeugung zum Erfolg: Selbsthilfe in Luzern

Der Rückblick ist eine Geschichte der Beharrlichkeit: Ab den 80er-Jahren gab es immer wieder Bemühungen, in Luzern eine Selbsthilfekontaktstelle bzw. ein Selbsthilfezentrum zu etablieren. Zwei bis drei Anläufe scheiterten jedoch aus finanziellen Gründen und fehlender politischer Akzeptanz. Die Zeit für gemeinschaftliche Selbsthilfe war in der katholischen Zentralschweiz („Urschweiz“) zu dieser Zeit offenbar noch nicht reif, vermuten Isabel Portmann und Thomas Burri, die zwei Leitungskräfte der Selbsthilfe in Luzern. 2005 lancierte die Dachorganisation Selbsthilfe Schweiz eine neue Initiative. Dank deren fachlichem und finanziellem Engagement gelang der nachhaltige Aufbau des heutigen Selbsthilfezentrums. Der Zuständigkeitsbereich konnte auf die kleineren Kantone Obwalden und Nidwalden ausgedehnt werden, so dass sich mit Luzern mittlerweile drei Kantone an der Finanzierung beteiligen.

Die Selbsthilfe arbeitet nach konkreten Standards der Selbsthilfe Schweiz: Sie ist die nationale Dachorganisation der regionalen Selbsthilfezentren und engagiert sich auf verschiedenen Ebenen für die konsequente Förderung der Selbsthilfegruppen, der Selbsthilfezentren und aller Massnahmen, welche die Idee und Methoden der gemeinschaftlichen Selbsthilfe unterstützen. Sie vertritt die gemeinschaftliche Selbsthilfe in ihrem gesamten Themenspektrum. Die Stiftung hat einen Leistungsauftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) und verfolgt keinerlei Erwerbszweck. Sie ist politisch und konfessionell neutral. Die Struktur und die Arbeitsweise der Stiftung und deren Geschäftsstelle entsprechen einer Empfehlung der WHO Europa.

Selbsthilfe Schweiz hat den Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV), sich für die Selbsthilfe und für Leistungen der Eingliederung von Menschen mit Behinderung gesamtschweizerisch einzusetzen. Hinter Selbsthilfe Schweiz steht das lokale Engagement von vielen professionellen Mitarbeitenden der regionalen Selbsthilfezentren. Die auf Selbsthilfeförderung spezialisierten 19 Selbsthilfezentren bieten kompetente Hilfe rund um den Aufbau und die Begleitung von Selbsthilfegruppen an.

Sie sind Unterleistungsvertragsnehmerinnen der Stiftung Selbsthilfe Schweiz und daher den Qualitätsbedingungen und Richtlinien von Selbsthilfe Schweiz und des BSV unterstellt. 2009 wurden differenzierte Qualitätsstandards entwickelt, welche ein integrierter Bestandteil der Richtlinien sind. Dadurch entstand ein Instrument zur Überprüfung der Arbeitsqualität im Bereich Selbsthilfeberatung (Richtlinien für die fachlichen und institutionellen Voraussetzungen eines Selbsthilfezentrums). Die Qualitätsstandards werden regelmässig überprüft. Innerhalb der Selbsthilfezentren bilden sich sogenannte Audit-Teams. In der Regel sind dies drei Selbsthilfezentren, welche sich gegenseitig auditieren, und daraus resultierend, einen Bericht erfassen und Empfehlungen abgeben.

Der Staat bzw. die Kommune spielen eine sehr große Rolle bei der Unterstützung. Seit 2001 besteht, wie bereits oben erwähnt, ein Leistungsvertrag mit dem Schweizer Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), der für die Selbsthilfezentren endlich die lange ersehnte öffentliche Anerkennung bedeutete. Von der Situation in Deutschland, so Portmann und Burri, seien sie jedoch noch weit entfernt. Eine politische Verankerung fehlt noch immer. Eine politische Verankerung ist zentral für die langfristige Vision, dass die gemeinschaftliche Selbsthilfe ein integraler Bestandteil des Sozial- und Gesundheitswesens in der Schweiz wird. Zur politischen Verankerung gehört, neben der Einflussnahme auf die parlamentarischen Abläufe auf nationaler Ebene auch die Einbindung in die nationale Strategie „Gesundheit 2020“. Die gemeinschaftliche Selbsthilfe soll als ein wichtiger Pfeiler des Gesundheits- und Sozialwesens politisch und gesellschaftlich anerkannt und gefördert werden. Selbsthilfe Schweiz, die nationale Dachorganisation der 19 regionalen Selbsthilfezentren, appelliert an die Akteure des Eidgenössischen Departements des Innern (vergleichbar dem deutschen Innenministerium), sich für die Anerkennung und Förderung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe im Rahmen der gesundheitspolitischen Agenda „Gesundheit 2020“ einzusetzen.

Neben der finanziellen Unterstützung durch den Staat spielt für das Selbsthilfezentrum selbstverständlich auch die regionale Unterstützung der Stadt und der drei Kantone des Einzugsgebietes eine grosse Rolle. Hauptgeldgeberin ist der Luzerner Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung (ZiSG). Ähnlich wie auf staatlicher Ebene mit dem BSV finden auch auf regionaler Ebene regelmässige Verhandlungsgespräche mit dem ZisG statt, und die finanzielle Unterstützung muss regelmässig neu ausgehandelt werden. Ähnlich wie in anderen Kantonen ist auch in Luzern der Spardruck, v.a. im Sozial-, Bildungs- und Kulturbereich deutlich spürbar.

INFO:

Zur Website der Selbsthilfe Luzern geht es hier
Titelfoto: Selbsthilfe Luzern-Obwalden-Nidwalden

Der Beitrag erschien erstmals in NEUES VON ALLISE 2. Quartal 2017